Guter Rat, und gar nicht teuer
Neulich schrieb mir jemand eine Mail:
Hi Peter,
Dein Blog hat mir echt weitergeholfen und ich glaube ich möchte mal anfangen, auch Konzerte zu fotografieren. Wahrscheinlich wird es ein paar Jahre dauern bis ich mal was Anständiges zeigen kann, aber meine Musikleidenschaft (bin ein großer Indiefan) und die Lust am Fotografieren machen mich echt neugierig. Hast Du noch ein paar Ratschläge für mich?
Danke!
Kristin
Ja, Kristin, habe ich. Zwar nur einen, aber der ist ehrlich und kostenlos: Lass’ um Gottes Willen die Finger davon. Denn wenn Du in ein paar Jahren die Leidenschaft an der Musik und die Lust am Fotografieren verloren hast, will ich nicht schuld sein. Ich glaube es gibt kaum eine Nische, die einem so nachhaltig den Spaß an der Musik und der Fotografie verderben kann wie die Konzertfotografie. Neben all’ dem Aufwand, den man für eine Akkreditierung betreiben muss, den Gängeleien der Managements und den stetig schlechter werdenden Arbeitsbedingungen muss man immer mehr und teurere Technik einsetzen um überhaupt noch verwertbare Bildergebnisse abliefern zu können. Und als wäre das alles noch nicht genug, sieht man sich auch mit geringen Vermarktungsmöglichkeiten konfrontiert.
Wer seine Musikleidenschaft ausleben will, soll Konzerte besuchen. Ich empfehle kleine Clubs und unbekannte Namen. Damit kann man auch mal Pech haben. Aber in den meisten Fällen wird man Leute sehen, die noch mit Herzblut spielen. Und keine Allgemeinplätze, die das Prädikat Indie an ihr Management verkauft haben und auf der Bühne nur noch lustlose Sets vor ein paar Tausend Leuten runterklampfen.
Wer Lust am Fotografieren hat, soll sich Menschen suchen, deren Hauptsorge nicht darin liegt, wie exklusiv oder teuer sie ihre Fresse ihr Gesicht vergolden können. Menschen, die noch einen Ausdruck im Gesicht haben statt mit peinlichen Posings ein Image vorzugaukeln, das ihnen ihr Berater aufgeschwatzt hat.
Damit entledigt man sich einer Menge Probleme: Fragen zu rechtlich zweifelhaften und inhaltlich hochnotpeinlichen Verträgen, endlose und sinnentleerte Diskussionen warum und für wen und weshalb überhaupt man eine Akkreditierung braucht um dann maximal drei Lieder bei schlechtem Licht und unsinnigen Bedingungen irgendwelches Material zu produzieren. Das hinterher als unbezahlte Klickstrecke verwurstet wird oder im Posteingang irgend eines Redakteurs verstaubt.
Wer es dennoch wagt, in dem Bereich ernsthaft sesshaft werden zu wollen: You have been warned.
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10 Kommentare
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DasMaddin am 14.12.2009, 17:21
Es ist immer wieder erfrischend zu lesen, wie Du Deinen Job liebst..
M.
Peter am 14.12.2009, 19:16
@DasMaddin: Naja, bisweilen macht sich eine gewisse Ernüchterung breit. Und wer es nicht als Einnahmequelle sondern als Leidenschaft betreiben möchte, sollte tunlichst die Finger davon lassen.
WoHei am 14.12.2009, 21:54
@Peter: Ist es nicht genau umgekehrt? Wer es als Leidenschaft betreibt und nicht davon leben muss ist klar im Vorteil!?
Wer nicht drauf angewiesen ist damit Geld zu verdienen kann es sich immer leisten nein zu sagen und es gibt noch genug kleine Clubs und kleine Bands die nicht dieses Gehabe an den Tag legen.
Peter am 14.12.2009, 22:30
@WoHei: Die Grundannahme ist, dass jemand die Konzertfotografie zu seinem Beruf machen will, weil er Musikliebhaber und Fotofreund ist. Und wer es ernsthaft betreiben will, sieht sich irgendwann einem betriebswirtschaftlichen Druck ausgesetzt, der den Spaß an beidem verdirbt.
Wer nur Just-for-Fun ab und zu mal Konzerte fotografiert, wird aber auch Probleme haben, weil er mangels Namen und Redaktion kaum Akkreditierungen bekommen wird.
KWERFELDEIN am 20.12.2009, 11:13
[...] Guter Rat, und gar nicht teuer: Peter von Konzertfoto FAQ antwortet öffentlich auf eine Email. Seine Reaktion darauf ist [...]
Mars am 23.12.2009, 00:44
“…weil er mangels Namen und Redaktion kaum Akkreditierungen bekommen wird.”
Dem muss ich dir leider vehement widersprechen.
Es gibt zahlreiche Fanzines, die mittlerweile in den Fotogräben der Republik unterwegs sind. Teils auf größeren Veranstaltungen, teils auf kleineren Veranstaltungen. Die meisten betreiben die Magazine als Hobby, weil sie Spaß an der Sache haben und nicht, weil sie davon leben wollen.
Von den 10 Fotografen, die man teilweise im Fotograben trifft, können höchstens die Hälfte (grobe Schätzung) davon leben.
Und auch wenn ich mir mein eigenes Musikmagazin anschaue, so werden die Namen in letzter Zeit immer größer. Mittlerweile vllt. teilweise schon zu groß, aber wenn man ein ordentliches Mittelmaß fährt, ab und zu mal kleine Clubkonzerte fotografiert und darüber berichtet und zwischendurch dann auch mal wieder die richtig großen (zuletzt bspw. Billy Talent, demnächst Fanta 4) macht es zumindest hobbytechnisch Spaß.
Dass dabei auch wir versuchen so professionell zu arbeiten, wie es nur geht ist klar. Dass wir im gesamten betriebswirtschaftlichen Gefüge der Veranstalter und Bandmanagements mit drin hängen und dabei auch eine klare Orientierung benötigen, sollte auch einleuchtend sein.
Anders als die Leute, die davon leben müssen, können wir aber immer noch “Nein” sagen.
Als Berufswunsch würde ich von der Konzertfotografie oder generell von dem Thema Fotografie allerdings wirklich die Finger lassen.
Peter am 23.12.2009, 14:10
@Mars: Kann sein, dass recht viele Fanzines und kleinere Websites bzw. teilweise auch Blogs bei den Akkreditierungen berücksichtigt werden. Aber für eine dauerhafte Berichterstattung auch größerer Events braucht man Belege von namhaften Zeitungen oder Magazinen. Ohne die wird man auf Dauer immer das Nachsehen haben. Und in Zukunft noch mehr als bisher. Für eine Geschäftsgrundlage reicht das jedenfalls nicht.
Sascha Rheker am 01.01.2010, 23:37
“macht es zumindest hobbytechnisch Spaß.
Dass dabei auch wir versuchen so professionell zu arbeiten, wie es nur geht ist klar”
Die allerunterste Grundvoraussetzung für Professionalität ist, daß man davon leben kann, es also eben kein Hobby ist…
Sven am 02.01.2010, 13:00
@Peter: Du hast vollkommen Recht und beschreibst genau das, was ich auch erleben “durfte”. Ich war begeisterter Hobby-Fotograf, fand Musikfotos total spannend und habe Konzerte geliebt. Ein Konzert zu besuchen war das Größte für mich! Als ich dann mit der Konzertfotografie anfing und die ersten großen Namen vor die Linse bekam, dachte ich mir: “Wow! Super! Kann es besser sein?” Und heute, fünf Jahre später, habe ich die Toten Hosen, Bryan Adams, Metallica, Bon Jovi, die Fantastischen Vier, die Ärzte, Robbie Williams, Kylie Minogue und ca. 200 weitere überwiegend sehr namhafte Künstler fotografiert, war backstage bei Festivals, habe großen Künstlern persönlich die Hand schütteln dürfen und mit Clueso Kicker gespielt – und es ist mir alles vollkommen egal. Konzerte sind für mich nur noch Jobs und wenn ich mal ein, zwei Konzerte pro Jahr finde, die mich wirklich mitreissen und die mir wirklich Spaß machen, dann ist das schon viel. Man stumpft im Laufe der Zeit so unglaublich ab!
Hinzu kommt, dass der Blick hinter die Kulissen und diese unfassbar albernen Machtspielchen mit manchen Veranstaltern einem einfach auch sehr schnell den Spaß verderben und man erkennt, was für ein verlogenes (und für die lokalen Fotografen auch wenig rentables) Geschäft das eigentlich ist.
Ich kann jedem fotointeressierten Musikliebhaber nur raten: Versucht niemals, mit Konzertfotografie Euer Geld zu verdienen! Besucht Konzerte, schießt meinetwegen ein Erinnerungsfoto mit Eurer Kompaktkamera vom Platz aus, aber versucht nie, nie, nie in den Fotograben zu kommen! Es wird ansonsten vielleicht Eure Leidenschaft und die Freude an Konzerten für immer versauen!
triton am 21.02.2010, 18:00
hi leute,
ich selbst bin auch seit knapp 8 jahren im bereich konzertfotografie unterwegs, allerdings wirklich nur als hobby. ich fotografiere nur musiker die ich auch persönlich kenne, vorzugsweise aus dem diy bereich, wo sich eh jegliche kommerzielle verwertung verbietet. und warum? ganz ehrlich? ich kann einfach nicht anders! und ich glaube den leuten die ich fotografiere geht es mit ihrer musik ähnlich. und obwohl ich viel zeit und manches geld in mein hobby gebe, weiß ich, dass meine fotos nie professionell sein werden und auf fotogräben oder ähnliches habe ich keine motivation und mir gehts damit sehr gut. ich mag mein hobby trotzdem. so weit. gutes licht.
triton